Über merkwelten

Ich bin Prof für Wohnungs- und Immobilienwirtschaft an der Hochschule Zittau / Görlitz. Ich schreibe gern wissenschaftliche und populäre Artikel zu wohnungs- und finanzwirtschaftlichen Themen und engagiere mich in Forschung und Weiterbildung.

Eurokrisenmanagement von links und von rechts unter Feuer

Heiner Flassbeck hat im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung gegutachtet. Das Ergebnis war nicht überraschend. Wird der bisher verfolgte Rettungskurs fortgesetzt, so kann die Eurozone in ihrer jetzigen Zusammensetzung nicht mehr lange überleben. Nach Ansicht von Flassbeck wird an der Peripherie zu viel gespart und bei uns zu wenig ausgegeben. Es geht also nicht nur um das Ende der Austeritätspolitik in den Krisenländern. Deutschland soll die Rolle einer Rettungslokomotive für den Rest der Eurozone spielen. Das Paradigma des Erhaltes der Wettbewerbsfähigkeit soll aufgegeben werden. Statt dessen kräftige Lohnerhöhungen, höhere Staatsdefizite und unbegrenzte Haftung für Schulden der anderen Euroländer. Die Aussichten, daß das so kommt, schätzt der Gutachter selbst skeptisch ein.

Sollen wir also die letzten roten Linien überschreiten und alle wirtschafts- und ordnungspolitischen Grundsätze aus früheren Zeiten über Bord werfen? Ich meine nicht. Es wäre falsch, der gesamten Eurozone das Wirtschaftsmodell Italiens aus den unseligen Lirazeiten zu verordnen. Deindustrialisierung, Inflation und multiple Abwertungen wollen wir nicht. Italien, Frankreich und andere Euroländer müssen unter Schmerzen lernen, ohne Abwertungen auszukommen. Die Rückkehr zum instabilen EWS ist keine Alternative. Das deutsche Wirtschaftsmodell eignet sich viel besser als Vorbild. Also Verbesserung der Angebotsbedingungen und Nulldefizite für alle?

Tendenziell ja, aber dabei flexibel bleiben und ungesunde Übertreibungen vermeiden. So ist es weder nötig, noch sinnvoll, daß unser Land ständig hohe Leistungsbilanzüberschüsse mit dem Rest der Eurozone erzielt. Es ist ja auch klar, daß nicht alle gleichzeitig eine Überschußposition haben können. Deutschland hat derzeit noch etwas Spielraum für Lohnerhöhungen und vielleicht auch für ein kleines Konjunkturprogramm.

Was Griechenland angeht: Ja, die Austeritätspolitik war überzogen. Der Zeitpfad der Einschnitte hat nicht gestimmt. Die griechische Volkswirtschaft wurde regelrecht erdrückt. Der spanische und der irische Fall sind aber schon anders zu beurteilen. In Spanien war der scharfe Konjunktureinbruch wegen der extrem aufgeblähten Bau- und Immobilienwirtschaft unvermeidlich. Die spanische Bauwirtschaft hat seit 2008 1,7 Millionen Kräfte freigesetzt. So etwas muß ausgeschwitzt werden. Da kann die Konjunkturpolitik nicht viel ausrichten.

In der jetzigen Lage darf an der südlichen Peripherie das Sparen aber auch nicht übertrieben werden. Die konjunkturelle Lage in Griechenland, Spanien und Italien ist so ernst, daß ein Abgleiten in eine deflationäre Spirale droht. Man muß hier flexibler agieren, auch wenn sich daraus vordergründig betrachtet höhere Haftungsrisiken ergeben. Man darf die Zügel aber auch nicht völlig schleifen lassen. Der Anpassungsdruck muss in gewissem Umfang aufrecht erhalten werden.

Wir brauchen also taktische Flexibilität, aber der langfristige Kurs muß ganz klar sein: Ende der Schuldenwirtschaft und Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Der Weg dahin ist lang und steinig. Wenn Griechenland es am Ende nicht schafft, dann auch weil man die Austerität überdosiert hat. Aber Italien und Spanien haben das Potential, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch interne Anpassungen wiederherzustellen. Man muß sie dabei aber unterstützen und ihnen genügend Zeit lassen. Es ist falsch, den Menschen ständig einzureden, daß sie es sowieso nicht schaffen können. Die Abwertungsmedizin ist ein süßes Gift, auf das wir nicht zurückgreifen sollten. Es gibt keine nachhaltige Mehrung des Wohlstandes ohne Anstrengung.

Die Wirklichkeit ist kompliziert und mit Ideologien nicht zu erfassen. Politik ist die Kunst des Möglichen und wenn es mal zwei Schritte voran und nur einen zurückgeht, ist das schon ein großer Erfolg. Die Linke will die Gelegenheit nutzen, um europaweit ihren Vulgärkeynesianismus zu propagieren und die Rechte will eben einfach raus aus dem Euro und aus Europa und sucht dafür nach Gründen.

Merkel und Schäuble haben in der Eurokrisenmanagementpolitik schon ein paar Stockfehler begangen, aber der Job war auch sehr diffizil. Sie betreiben eine lernfähige Politik, die auf der Annahme basiert, daß alle Krisenländer mit dem Euro saniert werden können, ohne daß die Haftungsrisiken für Deutschland ins Unendliche steigen. Nun sind die Haftungsrisiken bereits sehr groß und einige Krisenländer liegen auf der wirtschaftlichen Intensivstation. Aber sollen wir uns deshalb wünschen, daß ihre Grundannahme falsch ist und sie mit ihrer Politik scheitern?

Es gibt für die Bundesregierung keine verantwortbaren Exitoptionen. Wir können von Deutschland aus nicht den Anstoß dazu geben, andere Länder aus dem Euro herauszudrängen. Die außenpolitischen Folgen wären unkalkulierbar. Und davon abgesehen hat Deutschland aufgrund seiner Geschichte im 20. Jahrhundert eine moralische Verpflichtung, die europäische Völkergemeinschaft zusammenzuhalten.

Preisbildung bei Zeitungen

Wenn ich mir die Preis Setzung der Zeitungsverlage anschaue und zwar insbesondere im Vergleich Printausgabe und online Ausgabe, dann habe ich erhebliche Zweifel an der Rationalität ist Preisbildungsmodelle. Zum Teil sind die online Ausgaben sogar teurer als die Printausgaben. Selbst langlaufende Abos sind in vielen Fällen kaum günstiger als die Abonnements der entsprechenden gedruckten Ausgaben.
Aus Mikro ökonomischer Sicht sollte die grundsätzlich der Grenzkosten gleich Grenzerlös-Regel gehorchen. Nun hat ein Zeitungsverlag für die online Ausgabe Grenzkosten die gegen Null gehen. Bei isolierter Betrachtung müsste daher der Gewinnmaximierende Preis für die online Ausgabe sehr niedrig liegen.
Warum halten sich nun die Verlage nicht daran? Der Grund dürfte die Angst vor Kannibalisierung sein. Man will die Print Ausgabe aus Gründen der Tradition behalten. Außerdem mag es ja eine ganze Reihe Leser geben die man bei Einstellung der Print Ausgabe verlieren würde, weil die nicht auf die online Ausgabe wechseln wollen oder können.
Hier gilt es aber abzuwägen. Möglicherweise verhindert die Print Ausgabe durch ihre bloße Existenz eine Gewinnmaximierende Preisstrategie für die online Ausgabe.
Möglicherweise ist das pure online Modell die gesuchte Zukunfts Strategie. Man sollte dann aber das frei zugängliche Artikel Angebot möglichst klein halten. Hilfreich wäre es außerdem wenn die konkurrierenden Bläftter sich genauso verhalten würden. Es sollten möglichst wenig frei zugängliche Qualitäts-Artikel zu einem Thema im Netz herumschwirren. Damit würde man zugleich das Geschäftsmodell von Apps wie Pressespiegel austrocknen.
Also online pur Mit klarem Fokus auf bezahlte Abos, Nur müssen die wesentlich billiger sein als derzeit. So zwischen 50 und 100 € im Jahr für eine Qualitäts Tageszeitung stelle ich mir vor. Und wer keine Werbung sehen oder lesen will zählt 50 € extra.
So könnte es laufen.

Der Untergang der FTD

Ich würde es sehr bedauern, wenn die FTD aus unserer Presselandschaft verschwände. Die Zeitung hat gute Kommentatoren. Gerade in der Krise hat sie gegenüber dem orthodoxen Wirtschaftsmedien Wirtschaftswoche, FAZ oder Handelsblatt oft Alternativen aufgezeigt und die Standardheilmittel in Frage gestellt. Insoweit hat die FTD eine Art kritischen Wirtschafts Journalismus betrieben. Das tut die Zeit natürlich auf ihre Weise auch aber die Financial Times Deutschland hat auf diesem Gebiet eine höhere Kompetenz Anmutung. Was mir außerdem gut an der FTD gefallen hat ist ihre unkonventionelle Auswahl von Titelthemen und -Geschichten. Gerade hier ist die FTD oft der Meute eben nicht gefolgt. Es würde schon eine schmerzliche Lücke gerissen.

Warum die Krise wieder eskaliert

Lesenswert ist die Kolumne von Münchau in der FTD v. 25.7.: http://www.ftd.de/politik/europa/:kolumne-wolfgang-muenchau-warum-die-krise-jetzt-eskaliert/70067575.html#

Er arbeitet die Unterschiede in der Außenwahrnehmung der Rolle Deutschlands in der Rettungspolitik und der Binnendiskussion sehr gut heraus: “Wie sind mittlerweile an dem Punkt angelangt, daß Ökonomen wie Peter Bofinger Angela Merkel unterstützen.

Münchau hat wohl recht. Es gibt in Deutschland keine Mehrheiten für Banken- und Fiskalunion oder einen noch größeren ESM. Weder in der Bevölkerung, noch bei den Ökonomen und wohl auch nicht bei der SPD.

Hinzu kommt die wachsende politische Entfremdung zwischen Deutschland und den Südländern.

Wenn der Euroraum zerbricht, bleibt noch die Frage, ob Frankreich beim stabilen Rumpfeuro dabeisein kann.

Übrigens ist ja auch der Name “Euro” verbrannt.

Grexit oder (noch) nicht?

Nun also doch. Der IWF kann nicht mehr und die Kanzlerin verliert die Geduld mit der griechischen Regierung.

Ein wenig selbstkritische Rückschau könnte hier nicht schaden. Das erste griechische Rettungspaket wurde den staunenden Wählern als eine Art Überbrückungskredit verkauft. Das Land sei keineswegs insolvent. Es habe bloß vorübergehend den Kapitalmarktzugang verloren. Dann wurde immer weiter gerettet, auch unter Beteiligung der europäischen Zentralbank (Wo blieb da der Aufschrei der Bundesregierung?). Der den Griechen verordnete Sparkurs war allerdings ein Programm der wirtschaftlichen Erdrosselung. An Warnungen hat es nicht gefehlt. Nach der einschlägigen Studie von Goldman Sachs wird es kontraproduktiv, wenn man in den öffentlichen Haushalten mehr als 2 Prozent des BIP einzusparen versucht.

Also kann man sagen, daß die Bundesregierung mehrfach falsche Prognosen über die Rückzahlungsfähigkeit Griechenlands gestellt hat. Sie ist demgemäß immer wieder neu ins Risiko gegangen (stellvertretend für uns Steuerzahler) und sie hat die Aussichten, daß wir unser Geld wiedersehen, zusätzlich dadurch beeinträchtigt, daß sie den Griechen einen nicht-nachhaltigen Sparkurs verordnet hat.

Zugegeben, der Job war schwierig. Aber eine Katastrophenbilanz bleibt eine Katastrophenbilanz. Nebenbei hat man sehr viel Vertrauen verspielt.

Und der Grexit? Soll er nun kommen? Ich befürchte, daß das der nächste große Fehler wäre. Man denke an die Sunk costs und die Ansteckungseffekte, die Politiker mitunter unterschätzen.

Ich glaube, daß auf Sicht noch mehr Länder nicht mehr in der Eurozone zu halten sein werden, möglicherweise auch große südeuropäische. Wenn diese These stimmt, wäre ein Austritt Land für Land die teurere Lösung. Was wir brauchen ist ein Plan für eine Scheidung in zwei Währungsgebiete.

Bildner seiner selbst

Pico läßt Gott zu Adam sprechen: “Du, durch keine Beschränkung eingeengt, sollst Dein Wesen bilden nach deinem freien Ermessen; denn in diese Hand habe ich Dich gegeben. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du Ausschau hältst nach dem, was dir in der Welt besonders entspricht. Wir haben dich nicht himmlisch und nicht irdisch, nicht sterblich und nicht unsterblich gemacht, damit du dir diejenige Gestalt schaffst, die du möchtest, gewissermaßen als freier und edler Bildner und Schöpfer deiner selbst. Du wirst ins Niederste, zum Tier absinken können: Du wirst ins Hohe, zum Göttlichen aufsteigen können aus der Einsicht deiner Seele. O welch höchstes Geschenk des göttlichen Vaters, welch höchstes und wunderbares Glück des Menschen! Ihm ist gegeben zu haben, was er wünscht, und zu sein was er will.”

Pico della Mirandola: Oratio de hominis dignitate (1486)

Mieterschutz und Wahlfreiheit

Der Mieterschutz in Deutschland ist gut ausgebaut und für die Mieter verläßlich und berechenbar. Sie sind vor willkürlichen motivlosen Kündigungen ebenso geschützt wie vor sprunghaften Mieterhöhungen. Diese Rahmenbedingungen bestehen mit kleinen Änderungen schon seit mehr als 40 Jahren. Deshalb ist das Wohnen zur Miete mittlerweile als langfristige Alternative zum Wohnen im selbstgenutzten Wohneigentum in den Köpfen der Menschen verankert. So gesehen schafft der intensive Mieterschutz erst die Voraussetzungen für eine echte Freiheit der Wahl zwischen den Wohnformen.