Von Anfang an verbockt

Was wäre eigentlich passiert, wenn die europäischen Regierungen seinerzeit auf die Empfehlung vieler Ökonomen – nicht zuletzt von Professor Sinn aus München – gehört hätten und vor dem Aufziehen des ersten Rettungsschirms über Griechenland einen spürbaren Schuldenschnitt für die Griechen durchgezogen hätten? So 30 bis 50 Prozent waren im Gespräch und zwar nicht auf freiwilliger Basis. Wäre uns dann die Krise erspart geblieben? Mintnichten!

Wenn jetzt wegen der sehr milde ausgefallenen Beteiligung privater Gläubiger am zweiten Rettungspaket für Griechenland panikartig spanische und italienische Anleihen verkauft werden und zwar genau wegen der Befürchtung, daß auch in diesen Fällen eventuell die privaten Gläubiger mit haften müssen, dann ist doch eins klar: Hätte man letztes Jahr auf diese Ratgeber gehört, dann hätte sich die Reaktion der Märkte noch viel heftiger und gleichsam im Zeitraffer abgespielt. Man hätte dann ad hoc auch Spanien, Italien und womöglich auch Frankreich retten müssen.

Es gilt, das Wesen der Ansteckung an den Finanzmärkten zu verstehen. Ein vorgezogener Schuldenschnitt für Griechenland hätte die verantwortlichen europäischen Regierungschefs in eine ähnliche Lage gebracht wie Präsident Bush am 15. September 2008. Das ordnungspolitisch richtige Signal gesetzt, die privaten Gläubiger ins Boot geholt und zwei Tage später sagen mir die Berater, daß man nun aber der Welt größten Versicherer wegen seiner intensiven Verflechtungen am globalen Finanzmarkt nur um den Preis des Weltuntergangs untergehen lassen könne.

Ganz genauso wäre es auch in Europa gekommen. Das ordnungspolitisch richtige Signal gesetzt, die privaten Gläubiger ins Boot geholt und zwei Tage später sagen die Berater, daß man nun aber Spanien, Italien oder… wegen der zu befürchtenden Ansteckungseffekte nur um den Preis des Weltuntergangs untergehen lassen könne. Wir würden einfach heute schon viel tiefer drinstecken. Die Lage war im Frühjahr 2010 genauso aussichtslos wie heute, nur war das damals den meisten noch nicht so bewußt wie heute.

Die Fehler sind früher gemacht worden. Es sind mehrere Länder in die Währungsunion aufgenommen worden, deren Schuldenstände meilenweit von den 60 Prozent des BIP entfernt waren. Wessen Schuldenstand nur ein bißchen gefallen war, der war auf dem Weg in die richtige Richtung und man hat alle Hühneraugen zugedrückt. Heute wissen wir: Das waren temporäre Anstrengungen, um von Anfang an mit dabei zu sein.

Davon einmal abgesehen: Jeder informierte Zeitungsleser wußte um die institutionellen Blockaden in der italienischen und französischen Politik (in Frankreich: bei jeder Sparmaßnahme Streikchaos und Barrikadenkämpfe). Man muß sich eben sehr genau überlegen, mit wem man seine Aktien zusammenlegt. Blindes Vertrauen in der europäischen Familie führt nicht zu guten Entscheidungen. Es gab und gibt unverkennbar unterschiedliche historische Erfahrungen und unterschiedliche Wertvorstellungen in der Familie. Die meisten Europäer wußten und wissen mit den Begriffen Ordnungspolitik und soziale Marktwirtschaft nichts anzufangen. Nicht zu vergessen: Der Stabilitätspakt war von Anfang nicht scharf genug und die deutsche Regierung hat entscheidend daran mitgewirkt, ihm die letzten Zähne zu ziehen.

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